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Thailand: Der Bauboom beschert Bangkok eine neue Skyline

Jahrzehntelang wuchs Bangkok fern des Chao Phraya. Nun aber ist eine nie da gewesene Bautätigkeit am Fluss mitten in der Stadt zu beobachten. Spektakulärstes Zeichen dafür ist die neue Mega-Mall „Iconsiam“.

Jahrelang hatten sich die Kräne am Chao Phraya gedreht. Der Fluss mäandert mitten durch Bangkok, die große Baustelle an seinem Westufer war denn auch nicht zu übersehen.

Inzwischen ist die Szenerie eine völlig andere, denn am 9. November wurde der neue Lifestyle-, Shopping-, Entertainment- und Kulturkomplex „Iconsiam“ mit einem Grand Opening eingeweiht: Mehr als tausend Akteure, eine monumentale Bühnenshow, Licht- und Laserkaskaden an den Fassaden zweier nagelneuer Wolkenkratzer, am Himmel eine farbige Lichterwolke aus 1500 Drohnen – drei Abende lang feierte man das Königreich, den großen „Strom des Lebens“ Chao Phraya und sich selbst.

Umgerechnet rund anderthalb Milliarden Dollar flossen in den Bau von „Iconsiam“ – die wohl größte Privatinvestition bisher im Land wurde von einem Immobilienkonzern und zwei führenden Handelskonzernen gestemmt. Nun steht der Komplex an prominenter Stelle nahe am zentralen Sathorn Pier, wo täglich Tausende Menschen vom Fluss an Land gehen, wo Schiffe Reisende mitnehmen auf dem Weg zu Königspalast, Tempeln, Chinatown und in die Kanäle, die hier Khlongs heißen.

Jeder, der vorbeikommt, egal ob auf Lastschiff, Longtailboot oder Linienschiff, hat „Iconsiam“ im Blick. Den Bau übersieht man nicht. Er setzt ein Zeichen und steht für eine Neuorientierung. Bangkok wendet sich wieder dem Fluss zu, nachdem die Metropole in den letzten Jahrzehnten vor allem woanders rasant gewachsen war, fern vom Chao Phraya.

Shoppen in der neuen Mega-Mall „Iconsiam“

Wie von einem anderen Stern sieht „Iconsiam“ aus – innen wie außen. Allein die geschwungenen Glasfronten zum Fluss sind ein architektonischer Geniestreich: Die vertikalen Segmente schwingen sich auf 300 Metern Länge 16 Meter hoch – stützenfrei. Sie sind die Außenhaut von „Iconluxe“, dem besonders luxuriösen Teil der Mall, mit gläsernen Pavillons wie von Gucci oder gleich als Duplex wie bei Hermès.

Darüber erheben sich zwei 315 und 269 Meter hohe Wolkenkratzer. Sie markieren den Gipfel einer nie dagewesenen Bautätigkeit am Fluss, die Bangkok eine neue Skyline beschert, zu der auch die stromlinienförmigen „Banyan Tree Residences“ und der 300-Meter-Turm der Luxushotelkette „Four Seasons“ gehören.

Die Planer rechnen in der Anfangsphase von „Iconsiam“ mit täglich 150.000 Kunden; ihnen stehen 525.000 Quadratmeter Shoppingfläche zur Verfügung. Zum Vergleich: das Berliner Kadewe hat 60.000 Quadratmeter.

Neben mehreren Flagship-Stores in ausgefuchstem Design gibt es Showrooms von Rolls-Royce, Porsche oder Maserati, ein 4-D Kino, das Allerneueste in IT, hippe Food-Locations, preiswertes Streetfood, coole Espressobars, Restaurants mit hängenden Gärten innen und Terrassen zum Fluss. Die Event- und Konzerthalle und das River Museum sollen bald eröffnen, die multimediale Wassershow im River Park, deren 35 Meter hohe Fontänen digital gesteuert und mit Licht und Sound unterlegt sind.

Speisen mit Blick auf Bangkoks Skyline

Auch eine der neuen Restaurantzonen geht nun an den Start: „Alangkarn“ – in einem Ambiente, das sich dem Thema Reis, Wasser und dem Chao Phraya widmet. Wie Inseln liegen da Restaurants in einer amphibischen Landschaft mit Teichen und Wasserfällen unter Design-Objekten, inspiriert von landwirtschaftlichen Geräten der Reisbauern.

Sitzt man am richtigen Platz, gibt es dazu ein wunderbares Panorama auf Bangkoks Skyline, an der der Chao Phraya vorüberfließt. Die Thais wissen, ohne ihn und seine Sedimente gäbe es keinen Reis, kein Leben, gäbe es ihre Zivilisation nicht.

Im „Sooksiam“ im Erdgeschoss trifft man in einer bunten Kulisse aus idyllischen Dorfgassen und Szenen eines schwimmenden Marktes auf thailändische Händler aus fernen Provinzen; ihre Küche kann man schmecken und Gewürze, Früchte, ihre Stoffe, Seiden, Kunsthandwerk, Schmuck erwerben.

„Das Beste Thailands“, seiner Künstler, Kunsthandwerker und Designer gibt es im „Iconcraft“, zum Anschauen und – natürlich – zum Kaufen. Es ist eine schöne neue Spielwiese, die sich die Thais hier an ihren Fluss gesetzt haben.

Ob die Mega-Mall ein Erfolg wird, muss sich freilich erst erweisen. Seit der Eröffnung wimmelt es jedenfalls von Kunden, obwohl Bangkok bereits andere glamouröse Shoppingareale hat. Man setzt auf die wachsende Mittelschicht, und die Investoren hoffen, dass sich dieses wahrlich komplexe „Iconsiam“ zu einer Attraktion für Reisende aus aller Welt entwickelt – und der Chao Phraya wieder in seiner Bedeutung wahrgenommen wird.

Die Anbindung funktioniert schon einigermaßen: Eine Armada kostenloser Shuttle-Boote bringt Kunden in wenigen Minuten von Sathorn Pier zu „Iconsiam“. Die Einschienenbahn „Gold Line“ ist allerdings noch in Bau.

Traditionelles Leben im Stadtviertel Khlong San

Als sei ein Raumschiff gelandet, liegt die neue Mall inmitten des alten Stadtviertels Khlong San. Mehr als 10.000 Menschen leben hier auf einem Quadratkilometer in einem Häuserdickicht. Sie verbringen die Tage oft noch in traditioneller Weise zwischen ihren Häuschen, mobilen Nudelküchen, Werkstätten und Tempeln.

Vor verwitterten Häusern binden Frauen Blütengirlanden aus Jasmin, Ringelblumen und Orchideen für den Besuch des Tempels gegenüber, die Luft steht vor Hitze. Tuk-Tuks knattern unter einem Dschungel aus Strippen und Kabeln an winzigen Lädchen vorüber, die Ware darin stapelt sich bis zur Decke.

Vor einem rot leuchtenden Hausschrein macht eine Greisin ein Nickerchen auf dem Boden. Garküchen glühen, und Chili-Wolken wabern aus den Woks. Da wird Gentrifizierung schnell ausgebremst.

Um die Ecke liegt „Khlong San Plaza“, ein wuseliger Markt mit eigenem Pier. Mittendrin verkauft Jeab Kaffee „nach altem Familienrezept“. 20 Baht der Becher, das sind 50 Cent. Die Thailänderin öffnet morgens um fünf, wenn die Kundschaft zur ersten Fähre eilt. Wie andere Händler auch freut sie sich über die neue Nachbarschaft: „Vielleicht kommen ja Kunden von dort auf einen Kaffee zu mir.“

Grundstücke am Fluss sind nun begehrt

Es gibt nur noch wenige freie Grundstücke in zentralen Flusslagen. Vor diesem Hintergrund werde das vielfältige urbane Gewebe an Chao Praya wohl erst einmal so bleiben, denn die kleinteiligen Parzellen der alten Viertel eigneten sich nicht für Großprojekte, sagt Architekt Duangrit Bunnag.

Weitere Veränderungen in kleinen Schritten werde es aber geben. Denn es sei „nun sexy, am Fluss zu leben, zu arbeiten, kreativ zu sein“, das bringe eine Aufwertung der Ufer mit sich. Hier treibt Bunnags Arbeit den Wandel in kleinerem Rahmen voran.

Er war der Erste, der aus leer stehenden Markthallen und Lagerhäusern am Chao Phraya Neues machte. Sein Studio ist unter das Dach einer ehemaligen Marmeladenfabrik geschlüpft. Auch ein luftiges Restaurant mit Terrasse zum Fluss, Café, Möbelladen, Galerie brachte er unter – das Ganze ist „The Jam Factory“, industrial urban design unter heiligen, mit Schleifen geschmückten Bodhibäumen.

Ein paar Minuten mit dem Schiff stromaufwärts liegt „Lhong 1919“. Auch hier wurde ein Stück Geschichte gerettet. Familie Wanglee, die einst aus China kam, bewahrte ihren 170 Jahre alten Handelsposten vor dem Abriss. Nach langem Leerstand war er gezeichnet von Wind, Wetter und Monsun, man restaurierte ihn und „vakuumierte“ dabei Zeichen des Verfalls.

Hufeisenförmig öffnen sich die Kontor-Bauten zum Fluss. In Feinarbeit werden noch immer Wandmalereien restauriert, man kann dabei zusehen. Einige stimmungsvolle Läden mit besonderen Accessoires, Mode, Kunsthandwerk und Ausstellungsräume finden sich bereits in den Gebäuden, zudem ein Café und einige originelle Restaurants.

Eine Königsstadt am und auf dem Chao Phraya

„Lhong 1919“ fügt sich in das historische Fluidum am Fluss, in das, was Bangkok immer war – eine Königsstadt am und einst sogar auf dem Chao Phraya, damals, vor zweieinhalb Jahrhunderten, als Bangkok gegründet wurde und aus vielen Tausend schwimmenden Behausungen bestand. Die letzten gab man vor 60 Jahren auf.

Heute werfen Wolkenkratzer lange Schatten auf windschiefe Holzhäuser, die über das Wasser gebaut sind. Da ist die sakrale Landschaft mit den heiligsten Tempeln des Königreiches um Wat Pho, Wat Phra Kheo und Wat Arun. Diese Vielfalt an den Ufern als Abbild von Geschichte und sozialem Gefüge ist bis heute auch für viele Reisende ein einzigartiges Erlebnis.

Ob es so bleibt? Geplant ist auf beiden Seiten des Stromes eine Promenade. Als Betontrasse auf Trägern im Wasser, jeweils fast zehn Meter breit, die den Fluss zugänglich machen soll – für Spaziergänger, Touristen, Vergnügungswillige.

Bangkoks Flusslandschaft ist einmalig, kaum eine andere große Stadt auf der Welt kann dergleichen an und auf dem Wasser aufweisen. So bleibt die Hoffnung auf eine behutsame Entwicklung des historisch gewachsenen Areals.

Galerien hauchen den Straßen neues Leben ein

Gegenüber von „Iconsiam“, am Ostufer, lugen bis heute in verwitterten Gassen Bananenstauden, Granatapfelbäume und Orchideen aus Gärten und Höfen. Die Kathedrale, das Grandhotel „The Oriental“, europäische Botschaften sowie große Handelshäuser wie die East Asiatic Company schaffen in diesem European Quarter, wie es auch genannt wird, eine tropische Fin-de-Siècle-Stimmung.

Auch das erste Kaufhaus Bangkoks steht da in frischem Weiß, es heißt „O.P. Place“ und offeriert antike asiatische Möbel, Geschmeide, Stoffe und Seiden. Unweit davon bezog nun das „Thailand Creative & Design Center“ das neuklassizistische „Grande Postal Building“. Denn der Bezirk will ein „Creative District“ werden, kühne Pläne, die seitens der thailändischen Regierung mit der Creative Economy Agency vorangetrieben werden.

Für Acting Managing Director Kittiratana ist der Distrikt um die älteste Straße der Stadt, die Charoen Krung, „a place of the future in the past“. Dabei sollen auch Leerstand und Verfall in den Sois, den typischen Gassen Bangkoks, wo Moos, Flechten und Pflanzen aus Häusern wachsen, aufgehalten und mit neuem Leben erfüllt werden.

Das Vorhaben trägt erste Früchte. So zeigen die Bangkok Art Biennale wie auch mehrere Galerien in diesen Straßen ihre Kunst. In der Soi Puttha Osot etwa die „Galerie Adler“, und gleich gegenüber widmet sich „Maison Close“, in einem bizarren Flair aus Galerie und Bar, multimedial dem Thema Kunst für Erwachsene.

Für frischen Wind sorgt auch „Warehouse 30“, ein Projekt von Duangrit Bunnag; der Architekt hat einen verlassenen Kontor mit kreativen Manufakturen und Showrooms umgewidmet. Ein schönes Stück altes Bangkok am Ostufer des Chao Phraya erlebt so ein Revival. Ob in alten oder in neuen Mauern – am Chao Phraya sucht Bangkok sein neues Gesicht und kehrt an seine Wurzeln zurück.

Tipps und Informationen

Anreise: Nonstop etwa mit Lufthansa oder Thai Airways ab Frankfurt nach Bangkok, alternativ eine Umsteigeverbindung, etwa mit British Airways oder Air France.

Unterkunft: „Ibis Bangkok Riverside“ am Westufer (Khlong San), zweckmäßiges Hotel mit Blick auf die Skyline, Doppelzimmer ab 62 Euro, accorhotels.com; „Riva Arun“, Boutique-Hotel mit Rooftopbar gegenüber vom Tempel Wat Arun, Doppelzimmer ab 100 Euro, nexthotels.com; „Chakrabongse Villas & Residences“, Boutique-Hotel nahe dem Königspalast, Doppelzimmer ab 180 Euro, chakrabongsevillas.com.

Sehenswertes am Fluss: Iconsiam, Bangkoks neuester Shopping-Tempel, www.iconsiam.com; Long 1919, restauriertes Kontorhaus, lhong1919.com; Asiatique, Open-Air-Mall mit Shopping, Showtheatern und Restaurants auf dem Gelände früherer asiatischer Docks der East Asiatic Company, asiatiquethailand.com; River City, Komplex für Kunst, Antiquitäten und Gastronomie mit Terrasse zum Fluss, rivercitybangkok.com; Historisches Viertel Kudi Chin um die Kirche Santa Cruz, Pier Wat Kalayanamit.

Flussfahrten: Hop-on-hop-off-Schiffe ab Sathorn Pier zu neun Piers (darunter Iconsiam, Lhong 1919, Chinatown, Wat Arun, Königspalast) täglich von 9 Uhr bis 17.30 Uhr, Tagesticket umgerechnet knapp 5 Euro, Einzelticket 1,30 Euro, chaophrayatouristboat.com.

Auskunft: thailandtourismus.de