Der asiatische Streit der Supermächte


 
 
 

Beim zweiten Gipfel zwischen Nordkorea und den USA geht es um Raketen und Sanktionen. Doch aus der Ferne mischt auch China mit. Denn auf dem Spiel steht die Hegemonie über Nordostasien.

Wenn sich US-Präsident Donald Trump und Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un am 27. Februar in Hanoi an den Verhandlungstisch setzen, feilscht aus der Ferne auch der chinesische Präsident Xi Jinping mit. Trump und Kim wissen, was sie voneinander wollen. Sie müssen sich nun auf den Preis für Kims Abrüstungsschritte und ihre Verifikation einigen. Dabei geht es vor allem darum, wie die USA Nordkorea stufenweise entgegenkommen werden.

Kim scheint bereit, nuklear abzurüsten (auch wenn er nicht definiert, was er damit meint). Das sagte er den Nord­koreanern in seiner Neujahrs­ansprache. Er hat erkannt, dass er seine Macht künftig nur mit Wirtschaftswachstum und einer raschen Verbesserung des Lebensstandards rechtfertigen kann. Schon 2013 hatte er begonnen, von der «Songun»-Politik seines Vaters Kim Jong-il abzurücken. «Songun» bedeutet «Militär zuerst». 2017 erklärte er die Wirtschaft zur einzigen Priorität.

Kim soll auch US-Aussenminister Mike Pompeo zugesichert haben, er sei bereit, alle Uran- und Plutonium-Anreicherungseinrichtungen «und noch mehr» zu demontieren. Das berichtete der amerikanische Nordkorea-Beauftragte Stephen Biegun kürzlich an der Uni Stanford. Zugleich rückte Biegun vom bisherigen Mantra ab, Nordkorea müsse komplett nuklear abrüsten, bevor die USA die Sanktionen lockerten. Er sagte, diese Prozesse sollten «simultan und parallel» laufen.

Weiter versicherte Biegun: «Wir werden nicht in Nordkorea einmarschieren, wir haben auch kein Interesse, das Regime zu stürzen.» Trump sei entschlossen, auf der koreanischen Halbinsel permanent Frieden zu schaffen. «Es gibt keinen Grund, dass dieser Konflikt weiter besteht.» Doch dessen Lösung führt zwangsläufig zur Neuordnung Nordostasiens. In Hanoi wird nicht nur über Atomwaffen und -raketen, Sanktionen und Überlebensgarantien für Kims Regime verhandelt. Es geht um mehr: um die Hegemonie über Nordostasien.

Wichtige Pufferzone

Das verarmte Nordkorea, das sich seit dem Ende des Kalten Krieges eingeigelt hat, existiert nur noch, weil seine mächtigen Nachbarn es so wollen. China befürchtet, eine Vereinigung Koreas bringe US-Truppen an seine Grenze. Washington will kein neutrales Korea, zumal Seoul wirtschaftlich längst enger an China gebunden ist als an die USA. Ausserdem lassen sich die Truppenstationierungen in Südkorea und Japan mit der Bedrohung durch Pyongyang rechtfertigen. Auch Japan und Russland sehen in Nordkorea einen Puffer.

Die Geschichte zeigt: Wer die koreanische Halbinsel beherrscht, ist der Hegemon über Nordostasien. Schon im 16. Jahrhundert versuchte Japan, die Halbinsel zu erobern, damals ein tributpflichtiger Vasallenstaat Chinas. 1895 führte Tokio Krieg gegen China um Korea, 1905 gegen Russland, das ebenfalls nach Korea griff. 1910 unterwarf Japan die ganze Halbinsel als Kolonie. Und griff zwei Jahrzehnte später nach China.

Das Vakuum, das nach Japans Kapitulation am Ende des Zweiten Weltkriegs entstand, führte zur Teilung Koreas. Der Koreakrieg zementierte sie. Nach dem Ende des Kalten Kriegs blieb ein isoliertes Nordkorea zurück, dessen Nachbarn sich implizit auf ein Patt einigten. Keine Seite wollte das Risiko eingehen, die rohstoffreiche, vor allem aber strategisch wichtige Diktatur an die andere Seite zu verlieren. Man liess das Kim-Regime gewähren, Washington reduzierte Nordkorea auf ein Atomproblem. Es wollte vor allem verhindern, dass Pyongyang Waffen und Raketen an feindliche Drittländer verkaufte.

Peking und Washington setzten auch nach Kim Jong-uns Amtsantritt 2011 auf diese relative Stabilität. Die Chinesen hatten nur Verachtung für «Kim-III-Pang», «Kim der dritte Fettsack», wie der Erbdiktator auf dem sonst scharf zensierten chinesischen Internet genannt werden darf. Man liess ihn zündeln, wollte aber nichts mit ihm zu tun haben. Präsident Barack Obama kaschierte sein Desinteresse mit dem Etikett «strategische Geduld». Es ist durchaus Kims Verdienst, dieses Patt aufgebrochen zu haben: erst mit seinen Provokationen, dann mit seiner Friedensinitiative.

Dabei hatte er das Glück, dass in Seoul mit Moon Jae-in seit Mai 2017 ein Präsident regiert, dem der Ausgleich mit Nordkorea ein persönliches Anliegen ist und der sich als Vermittler einbrachte. Und dass in Washington Trump sitzt, der sich, unbelastet von historischen Kenntnissen, alles zutraut, auch, einen Frieden in Korea aushandeln zu können. Oder Nordkorea zu vernichten, wie er noch im Herbst 2017 vor der UNO drohte.

Nordkorea traut China nicht

Peking erkannte Kims Kurskorrektur zu spät. Erst vor zwei Jahren, beunruhigt ob Kims Raketen, die er auch gegen China richten könnte, vor allem aber ob Trumps Kriegsdrohung, begann es, die UNO-Sanktionen konsequent durchzusetzen. Es erkannte auch die Tragweite von Kims Friedensinitiative erst nicht. Bis in Seoul Theorien die Runde machten, Washington könnte Kim für den Verzicht auf seine Atomwaffen mit militärischen Sicherheitsgarantien belohnen. Und mit Geldern aus Südkorea und Japan eine Art Marshallplan umsetzen. Plötzlich drohte Nordkorea, Peking zu entgleiten. Seither umgarnt Xi Kim, die beiden zelebrieren die «ewige Freundschaft» ihrer Länder.

Wie viel Einfluss Xi wirklich auf Kim hat, ist nicht klar. Traditionell blickt Pyongyang mit Misstrauen auf China, es hat stets versucht, seine Abhängigkeit gering zu halten. Immerhin dürfte Xi Kim den Rücken gedeckt haben, als dieser nach symbolischen Denuklearisierungsschritten vorigen Sommer von Trump mehr Entgegenkommen forderte. Womöglich spielt Peking auch auf Zeit. Es möchte keine «andere Zukunft» zwischen Washington und Pyongyang, wie es Biegun formulierte. Derweil markieren Trump und Kim mit der Wahl von Hanoi als Tagungsort ihres Gipfels Distanz zu Peking. Vietnams Beziehungen zu China sind schwierig, jene zu den USA besser. Jetzt betonen die Vietnamesen auch noch, Nordkorea sollte sich ihr Wirtschaftsmodell – nicht das (ähnliche) chinesische – zum Vorbild nehmen.

In Hanoi buhlt Xi aus der Ferne um Kim – und Trump. Schon im Januar hatte er Trump zu einem Gipfel eingeladen, bevor der «Waffenstillstand» im Handelskrieg zwischen China und den USA am 2. März ablaufe. Als Tagungsort war Hainan vorgesehen, die chinesische Urlaubsinsel nur eine Flugstunde von Hanoi. Trump hat das Treffen dieser Tage zumindest hinausgeschoben. Im Seilziehen um die Hege­monie spielt Xi derzeit die schlechteren Karten.