Myanmar: Auf George Orwells Spuren


 
 
 

Nur wenige Touristen verirren sich in den Norden Myanmars, wo der Schriftsteller vor knapp 100 Jahren als Polizeioffizier stationiert war. Eine Flusskreuzfahrt auf dem Irrawaddy ist noch heute eine Reise in eine andere Zeit.

In seinem ehemaligen Wohnhaus lebt heute der Polizeichef, im Britischen Club ist eine chinesische Bank untergebracht, und wo einst der Deputy Commissioner residierte, erinnern Ausstellungstafeln an seinen Aufenthalt in Katha: In den 1920er Jahren war der englische Schriftsteller George Orwell als britischer Polizeioffizier in dem Städtchen im Norden Burmas, heute Myanmar, stationiert. Seine Erfahrungen dort inspirierten ihn zu seinem Roman „Tage in Burma“, einem bitterbösen Gesellschaftsbild über die Arroganz der britischen Kolonialherren, die Skrupellosigkeit einheimischer Kollaborateure und die Machtlosigkeit der Einheimischen.

Noch heute strahlt das rund 300 Kilometer nördlich der alten Königsstadt Mandalay gelegene Provinzstädtchen am Ufer des Irrawaddy, der heute Ayeyarwady heißt, den Charme vergangener Zeiten aus. Alte Kolonialvillen verfallen vor sich hin. Pferdekutschen und Fahrrad-Rikschas sind ein beliebtes Transportmittel. Auf dem Markt verkaufen Frauen eine glibberig-graue Masse aus Fischstücken und Klebereis – eine lokale Spezialität.

Im Holzschuppen der Feuerwehr dienen ehemalige Schiffsglocken als Feuerglocken. Sie sind Relikte von mehr als 100 Schiffen der „Irrawaddy Flotilla Company“, die hier im Zweiten Weltkrieg versenkt wurden, um nicht den Japanern in die Hände zu fallen. Katha war der nördlichste Standort der damals weltweit größten Flotte von Raddampfern, die in Glasgow gebaut, dann zerlegt und in die britische Kolonie transportiert wurden.

Noch heute ist der mehr als 2000 Kilometer lange Fluss, der sich vom Himalaya an den Städten Mandalay und Yangon vorbei bis zur Andamanensee mäandert, die Lebensader des Landes. Flöße aus Bambus mit provisorischen Hütten, aneinandergehängte Lastkähne und schmale Langboote transportieren Passagiere und Waren. Am Ufer waschen Frauen ihre Wäsche, Kinder planschen im schlammbraunen Wasser, und Mönche schauen dem Treiben zu.

Der Schotte und seine Flotte

Dass Touristen den wenig erschlossenen Norden komfortabel bereisen können, haben sie Paul Strachan zu verdanken. 1995 charterte der Schotte, der aus einer Glasgower Schiffbauerfamilie stammt, erstmals ein Schiff und bot eine Flussfahrt auf dem Irrawaddy an. Drei Jahre später entdeckte der studierte Historiker in Mandalay den verrotteten Dampfer „Pandaw“ der alten Flotte. Er restaurierte ihn, und heute steht sein Unternehmen „Pandaw River Cruises“ für ein einzigartiges Konzept: stilvoller Komfort kombiniert mit einem aufmerksam-dezenten Service und exzellenter Küche. Teakholz und Messing – auch in den geräumigen Kabinen – erzeugen koloniales Ambiente. Das große Sonnendeck ermöglicht einen ungestörten Panoramablick.

Inzwischen umfasst die Pandaw-Flotte 16 Schiffe, die in Myanmar, Laos, Kambodscha, China und Vietnam unterwegs sind. Und wer einmal das entspannt-legere Pandaw-Gefühl erlebt hat, der wird schnell süchtig. Fast die Hälfte der Gäste sind Wiederholer.

Dabei ahnen die meisten wohl nicht, mit welch enormen Problemen Strachan kämpfen musste, nachzulesen in seinem spannenden Buch „The Pandaw Story“. Auch wenn die beim Volk beliebte Aung San Suu Kyi inzwischen De-facto-Regierungschefin ist, bleibt die politische und wirtschaftliche Lage angespannt. Doch der Schotte, der sich immer wieder incognito unter seine Gäste mischt, lässt sich nicht unterkriegen. Strachan liebt das Land, seine „Pandaw Charity“ baut Schulen und Krankenhäuser, und als 2008 der Zyklon Nargis das Land verwüstet hatte, funktionierte er eine Pandaw zur Krankenstation um.

Zehn Tage dauert die Fahrt mit der 57 Meter langen „Kindat Pandaw“ von Mandalay in den Norden bis zur Second Defile, einer 13 Kilometer langen Schlucht. Von dort geht es zurück bis nach Bagan mit seinen mehr als 2000 Pagoden. Die meiste Zeit verbringen die Gäste auf dem Sonnendeck, wo die Landschaft wie ein endloser Panoramafilm vorbeizieht. In Vorträgen erfahren sie Interessantes über die Geografie und Geschichte des Landes, über Buddhismus und die Naturgötter Nats sowie die Zubereitung des Teeblatt-Salats. Am Abend legt das Schiff meist in der Nähe eines Dorfes an, manchmal auch mitten in der Wildnis.

ede Tour verläuft anders und ist noch immer ein Abenteuer. Vor allem die wandernden Sandbänke sind eine Herausforderung für den Kapitän und die Crew, die stets von einem lokalen Lotsen begleitet werden. Es ist noch früh am Morgen, als wir feststecken. Zunächst versucht die Mannschaft, das Schiff mit dem Beiboot zu befreien. Dann wird Hilfe gerufen, und ein Motorboot zieht die „Kindat Pandaw“ zurück in die Fahrrinne.

Schwarze Augen, roter Schnabel

Am nächsten Morgen hängen dunkle Regenwolken über dem Fluss. Das saftige Tropengrün an den Ufern verschwimmt im Nebel. Selbst die goldenen Pagoden haben ihren Glanz verloren. Das Schiff nähert sich der Second Defile, wo sich der breite Strom durch senkrechte Felswände zwängt. An der engsten Stelle ist er nur noch 100 Meter breit und gut 300 Meter tief. Goldene Pagoden thronen waghalsig auf großen Felsbrocken. An einer Steilwand ragt ein wie ein Papageienkopf geformter Felsen über dem Wasser auf, grün bemalt mit schwarzen Augen und einem roten Schnabel. „Wenn das Wasser bis zum Schnabel reicht, ist die Strömung zu gefährlich für Schiffe“, erzählt Reiseleiter Patrick.

Jeden Tag gibt es mindestens einen Landgang zu Tempeln und Dörfern. Es sind Ausflüge in eine archaische Welt, stets behutsam begleitet von Patrick und anderen Crew-Mitgliedern. Zurückhaltendes Staunen trifft auf ein scheues Lächeln oder den freundlichen Gruß „Mingalaba“. In Taugung wird gerade eine Hochzeit gefeiert. Aus den Lautsprechern krächzt laute Popmusik, das Brautpaar posiert stolz für die Kameras, und die Dorfbewohner laben sich an den reichhaltigen Speisen. Erst bei Mingun, eine Stunde flussaufwärts von Mandalay, treffen wir wieder auf Touristen. Vor mehr als 200 Jahren wollte König Bodawphaya hier die größte Pagode seines Reichs bauen. Fertig wurde sie nie, dann brachte ein Erdbeben das Bauwerk zum Einsturz. Heute zeugt nur noch ein gigantischer Ziegelhaufen vom einstigen Größenwahn. Ein paar hundert Meter weiter lässt sich die größte funktionstüchtige Glocke der Welt bewundern: 90 Tonnen schwer, vier Meter hoch und mit einem Durchmesser von fünf Metern.

Am Abend ankert die „Kindat Pandaw“ in Sagaing, südlich von Mandalay. Der Ort gilt als wichtiges spirituelles Zentrum. Rund 10.000 Mönche und Nonnen leben in den über mehrere Hügel verstreuten Klöstern und Meditationszentren mit mehr als 600 Pagoden. „Das ist unsere Vatikanstadt“, erklärt Patrick und führt die Gruppe zu einer Schule für Waisenkinder. Viele stammen aus dem Shan-Staat im Nordosten. Er möchte später zurückgehen und etwas für sein Volk tun, erzählt ein 14-jähriger Mönch.

Eine Kutschenfahrt zum hölzernen Kloster in Ava, der Sonnenuntergang an der 1200 Meter langen, aus Teakholz erbauten U-Bein-Brücke und der Besuch im Dorf Yandabo, wo Tonkrüge nach alter Tradition hergestellt werden, füllen die restlichen Tage. Das Ende der Flussfahrt ist zugleich ein Höhepunkt jeder Myanmar-Reise: Bagan mit seinen mehr als 2000 über die Ebene verstreuten Pagoden.

Reisetipps für Myanmar

Anreise: von Yangon oder Bangkok mit dem Flugzeug nach Mandalay, Rückflug von Bagan

Einreise: Ein elektronisches Visum für 28 Tage kostet 50 US-Dollar (https://evisa.moip.gov. mm/). Informationen: Botschaft der Republik Myanmar, Donau-City-Straße 6, 1220 Wien, Tel. 01 / 2669105, www.myanmarembvienna.at

Reisezeit: Die beste Reisezeit ist von Oktober bis März.

Pandaw River Cruises: Die beschriebene zehntägige Reise wird von September bis März angeboten und kostet ab 3780 Dollar pro Person in der Doppelkabine. Enthalten sind Verpflegung und Getränke, Ausflüge, Trinkgeld und die englischsprachige Reiseleitung. Buchen kann man unter www.pandaw.com oder in Großbritannien unter Tel. 0044/208/3967320. Welche Schiffe eingesetzt werden, hängt auch von der Auslastung ab. Die „Kindat Pandaw” hat. 18 Kabinen. Auch die Preise werden tagesaktuell angepasst.

Buchtipp: Stefan Loose: „Reiseführer: Myanmar“, Oktober 2017, 24,99 Euro