Asien darf IWF-Chef nicht stellen – das hat Folgen

Asien darf IWF-Chef nicht stellen

 
 
 

Die Region droht, der vom Westen dominierten internationalen Finanzarchitektur den Rücken zu kehren.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) sucht nach dem Rücktritt der Französin Christine Lagarde eine neue Spitze. Die Personalsuche bleibt aber eine Sache der Europäer: Sie durften seit der Gründung der Finanzinstitution vor 75 Jahren immer die Chefposition besetzen. Den USA steht traditionell dafür die Führungsrolle bei der Weltbank zu, die auch im Rahmen des Bretton-Woods-Abkommens nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen wurde.

Dass man sich weiterhin an diese informelle Abmachung hält, hat sich vergangenes Frühjahr bestätigt. Der Amerikaner David Malpass wurde mit der Mehrheit der westlichen Mitglieder reibungslos als Präsident der Weltbank gewählt.

Der Rest der Welt bleibt vom Personalkarussell ausgeschlossen. Dabei hat insbesondere Asien ein immer mehr Gewicht in der Weltwirtschaft. Und für das jetzt neu zu besetzende Amt des IWF-Geschäftsführers gibt es fachlich absolut geeignete asiatische Kandidaten.

Angesehene Finanzfachleute

Dazu gehört die 57-jährige indonesische Finanzministerin Sri Mulyani Indrawati. Sie war vor dem Antritt ihres jetzigen Amts im Jahr 2016 eine der stellvertretenden Chefs der Weltbank. Gleichsam prädestiniert für die Leitung des IWF ist Raghuram Rajan. Der ehemalige Gouverneur der indischen Notenbank lehrt an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Chicago. Der 56-jährige Rajan gilt auch als einer der möglichen Nachfolger von Mark Carney an der Spitze der Bank of England. Nicht zuletzt kommt auch der Name von Tharman Shanmugaratnam ins Spiel. Der 62-Jährige koordiniert als «Senior Minister» die Wirtschafts- und Sozialpolitik Singapurs und leitet den Verwaltungsrat der Zentralbank, der Monetary Authority of Singapore MAS.

Solche Persönlichkeiten drängen sich auf, da Asien nicht nur bei der Wirtschaftsleistung viel Dynamik zeigt. So schreitet die digitale Revolution hier besonders rasant voran – die Hälfte aller Internetnutzer sind Asiaten. Das ist entscheidend für die internationale Finanzarchitektur: In Indien, Indonesien und China haben in den vergangenen Jahren hunderte Millionen von Konsumenten dank Internetanschluss erstmals Zugang zu offiziell regulierten Finanzdienstleistungen erhalten. Vor allem chinesische IT-Konzerne haben mit innovativen Fintech-Anwendungen traditionelle Banken das Fürchten gelehrt.

Und anders als noch vor einem Vierteljahrhundert ist Asien heute kein Importeur von Kapital mehr, sondern exportiert im Saldo Investitionsmittel. Das zeigt sich auch in den gewaltigen Devisenreserven von Ländern wie China, Indien und Thailand.

Die nach wie vor stark auf die Prioritäten der westlichen Industriestaaten ausgerichteten Bretton-Woods-Institutionen hinken der Entwicklung hinterher. Nach Meinung des französischen Finanzministers Bruno Le Maire drohen die Weltbank und der IWF in die Bedeutungslosigkeit abzudriften. Es sind aber nicht nur europäische und amerikanische Eigeninteressen, die Reformen verhindert haben.

Die Region hält sich zurück

Asien selbst hat sich bei den Personalfragen der zwei Organisationen bisher nur ungenügend eingebracht. Zum einen hat der Riesenkontinent anders als etwa Europa mit der EU keine dominante gemeinsame wirtschaftliche Plattform. Zwar gibt es mit ASEAN in Südostasien einen gemeinsamen Markt, doch dort fehlt eine schlagkräftige Bürokratie, wie es die Europäische Kommission darstellt. Zwischen den grossen asiatischen Volkwirtschaften China, Japan und Indien herrschen trotz des blühenden Handels tiefe historische Animositäten. Das hat bisher ein gemeinsames diplomatisches Auftreten gegenüber den USA und der EU verhindert. Auch ist Asien mit seiner jungen dynamischen Bevölkerung zu sehr mit sich selbst beschäftigt und kümmert sich damit auch nur am Rande, was sich in den vom Westen geschaffenen Institutionen abspielt.

Das war nicht immer so. Vor 22 Jahren spielte der Währungsfonds nach Ausbruch der Asienkrise eine dominante Rolle. Allerdings hat das in der Region einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen: Die aus Washington eingeflogenen IWF-Experten forderten von Indonesien, Thailand und Südkorea einschneidende Sparmassnahmen im Gegenzug für die dringend benötigten Notkredite.

Nach der globalen Finanzkrise 2008 musste Asien erkennen, dass der Westen nicht bereit ist, die gleiche bittere Pille zu schlucken. Statt Sparmassnahmen wurden die Märkte mit Liquidität überflutet. Um nicht nochmals vom Rat und Kapital der Krisenmanager aus Washington abhängig zu werden, haben die Staaten der Region ihre politischen und wirtschaftlichen Rivalitäten beiseitegelegt. Mittlerweile wurde mit gegenseitigen Vereinbarungen ein gemeinsamer Pool an Kapital zur gegenseitigen Finanzhilfe geschaffen. So wurde quasi ein «Asiatischer Währungsfonds» ins Leben gerufen, der in direkter Konkurrenz zum IWF steht.