Warum Asiens Schwellenländer neue Hauptstädte bauen

Stau in Manila. Die Stadt hat mit überlasteten Straßen zu kämpfen.

 
 
 

Viele Megacitys sind überlastet. Indonesien und die Philippinen planen deshalb den Umzug der Regierungssitze in neue Metropolen. Doch das bringt neue Probleme.

Bangkok Einmal in der Woche zeigt sich Indonesiens überlastete Hauptstadt von ihrer angenehmen Seite: Dann sind die Hauptstraßen der Metropole ausnahmsweise nicht Schauplatz rekordverdächtiger Staus. Stattdessen bevölkern Jogger, Radfahrer und Fußgänger die Fahrbahnen. Der autofreie Sonntag hat in Jakarta seit mehr als sieben Jahren Tradition. Doch es sind nur wenige Stunden, die die Bewohner der Zehn-Millionen-Einwohner-Stadt aufatmen lassen.

Im Alltag leiden sie unter Luftverschmutzung, Verkehrschaos und überfülltem öffentlichen Nahverkehr. Und Besserung ist kaum in Sicht – im Gegenteil. Weil die Küstenstadt Jahr für Jahr um mehr als einen Zentimeter absinkt, kommen auch noch immer öfter auftretende Überschwemmungen zu den Problemen der Hauptstädter hinzu.

Indonesiens Präsident Joko Widodo hat von den vielen Mängeln an seinem Amtssitz nun genug – und reagiert mit einem radikaleren Schritt. Er gibt Jakarta als die Hauptstadt seines Landes auf. Stattdessen will er eine neue Metropole schaffen. Sie soll auf Kalimantan entstehen – so heißt Indonesiens Teil der Insel Borneo, die vor allem für ihren dichten Regenwald bekannt ist.

Als Widodo den Bau einer neuen Hauptstadt im Frühjahr erstmals ansprach, stieß ihm viel Skepsis entgegen. Doch nun untermauert er das Vorhaben: „Unsere Hauptstadt wird nach Kalimantan umziehen“, betonte er vergangene Woche auf Twitter. Rund 1,5 Millionen Einwohner soll die neue Stadt bekommen.

Mit dem geplanten Kraftakt ist Widodo in Asien nicht allein: Auch sein philippinischer Amtskollege Rodrigo Duterte hat in Manila mit einer Hauptstadt zu kämpfen, die aus allen Nähten platzt. Auch er plant eine neue Stadt als Regierungssitz: Das Projekt New Clark City soll auf einer Fläche von fast 100 Quadratkilometern im Norden der Metropolregion Manila entstehen und dem Staatsapparat des südostasiatischen Landes eine neue Heimat bieten.

Der Umzug von Behörden und Ministerien soll einen wichtigen Beitrag leisten, um die am dichtesten besiedelte Großstadt der Welt zu entlasten. Manila leidet wie Jakarta unter extremen Staus, die nicht nur die Lebensqualität verringern, sondern auch das wirtschaftliche Potenzial.

Staus kosten jährlich Milliarden

Nach Schätzungen der japanischen Entwicklungshilfeagentur JICA betragen die Kosten durch Manilas Verkehrskollaps umgerechnet rund 60 Millionen Euro – und zwar jeden Tag. Wird nichts unternommen, würde dieser Betrag bis 2035 auf fast 100 Millionen steigen. Auch in Jakarta gibt es ökonomische Anreize, etwas gegen die Überlastung der Infrastruktur zu unternehmen. Die indonesische Regierung geht von jährlichen Schäden von umgerechnet 4,5 Milliarden Euro durch Staus aus – das entspricht zwölf Millionen Euro pro Tag.

Angesichts dieser Beträge sind die Politiker der betroffenen Länder bereit, große Summen in die Ausweichstädte zu stecken: Die Investitionen in New Clark City auf den Philippinen sollen sich auf 14 Milliarden Dollar belaufen und bis 2030 den Regierungsumzug ermöglichen.

Schon in diesem Jahr wird die erste Ausbaustufe fertig – mit einem Sportkomplex für die diesjährigen Südostasienspiele. In Indonesien beziffert die Regierung die Kosten der neuen Hauptstadt auf 33 Milliarden Dollar. Präsident Widodo – Spitzname Jokowi – hofft, dass der Umzug 2024 beginnen kann – zum Ende seiner zweiten Amtszeit.

Die Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing Germany Trade & Invest (GTAI) weckt Hoffnungen auf Geschäfte für deutsche Unternehmen: „Der Bau des Verwaltungssitzes vom Reisbrett würde erhebliche Beratungsdienstleistungen erfordern und eine moderne Infrastruktur benötigen“, heißt es in einem GTAI-Bericht. „Beides würde angesichts beschränkter heimischer Kapazitäten zu einem großen Teil aus dem Ausland kommen.“

Umzug zur Entlastung der Infrastruktur

Anschauungsmaterial für den Hauptstadtbau haben Indonesien und die Philippinen in ihrer Nachbarschaft gleich an mehreren Orten: 2005 verlegte die damals herrschende Militärjunta Myanmars Hauptstadt von der Wirtschaftsmetropole Yangon in die Retortenstadt Naypyidaw.

Bereits kurz vor der Jahrtausendwende zog Malaysias Regierung von der Metropole Kuala Lumpur in das benachbarte Putrajaya um – in der Hoffnung, damit die vorhandene Infrastruktur zu entlasten und eine neue attraktive Metropole zu schaffen. In Indien baut sich der Bundesstaat Andhra Pradesh gerade eine neue Hauptstadt.

Doch alle drei Beispiele zeigen die großen Herausforderungen, die der Metropolenbau mit sich bringt. In Andhra Pradesh, wo die geplante Metropole Amaravati zu einer mustergültigen Smart City werden soll, stehen gerade alle Bauarbeiten still, weil eine neue Regierung Unregelmäßigkeiten bei der Auftragsvergabe vermutet.

Naypyidaw ist auch nach fast anderthalb Jahrzehnten als Myanmars Hauptstadt immer noch weitgehend unbelebt abseits der Behausungen für Beamte und Politiker und der Hotels für ausländische Staatsgäste. Wenn es doch einmal Touristen dorthin verschlägt, dann posieren sie regelmäßig für bizarre Fotos vor der menschenleeren 20-spurigen Autobahn.

Auch Malaysias Verwaltungszentrum Putrajaya entwickelte sich nicht ganz so wie erhofft. Angeschoben wurde die Planstadt von Mahathir Mohamad, der von 1981 an mehr als zwei Jahrzehnte an Malaysias Spitze stand und seit vergangenem Jahr erneut die Regierung anführt. Bei seiner Rückkehr ins Premierministeramt beklagte er, dass die Stadt mit ihren breiten Straßen und 90.000 Einwohnern nicht ganz so angenommen wurde wie geplant: „Ich wollte einen Boulevard schaffen wie die Champs-Élysées in Paris, mit Seitenstraßen und vielen Geschäftslokalen“, sagte er.

Er habe sich gewünscht, dass die Menschen dort entlang flanieren und Zeit in Cafés verbringen würden. „Aber die Beamten wollten, dass alles exklusiv bleibt. Die wollten nicht, dass irgendjemand hierherkommt.“