Japan: Der Kaiser fährt Toyota

Der Kaiser fährt Toyota

 
 
 

Das japanische Kaiserhaus übt sich in Volksnähe. Bei den Feiern zur Inthronisierung wird Kaiser Naruhito sich den Japanern nicht im Rolls Royce, sondern in einem Toyota zeigen. Doch es ist ein ganz besonderer Toyota.

Mit viel Reklame stellte der japanische Autobauer Toyota Motor in dieser Woche in Japan zwei neue Modelle des Erfolgsmodells Corolla vor. Erstmals werden diese Autos nicht mehr allein bei speziellen Corolla-Händlern, sondern auch in anderen Vertriebsketten Toyotas in Japan verkauft werden. Man kann in diesen Wandel eine neue Form der Volksnähe hineinlesen. Das Massenauto Corolla, das seit 1966 global mehr als 47,5 Millionen Mal verkauft wurde, hat in Japan keine exklusive Händlerkette mehr.

Eine ganz andere Form der Volksnähe bereitet sich derweil im Vorgriff auf die Inthronisierungsfeierlichkeiten des neuen Kaisers Naruhito im Oktober vor. Naruhitos Großvater Hirohito fuhr 1928 im Paradeumzug in einer Pferdekutsche. Sein Vater Akihito 1990 nutzte einen Rolls Royce. Der neue Kaiser aber wird sich im Oktober dem Volk in einem Toyota zeigen.

Symbol des Wirtschaftswunders

Selbstverständlich wird Naruhito nicht in einem Corolla vorfahren, sondern in einem ganz besonderen Toyota. In einer einmaligen Sonderanfertigung baut das Unternehmen dem Kaiser eine Cabrio-Version des Luxusautos Century. Erstmals hat die Regierung, die das Auto finanziert, jetzt ein Foto des Cabriolets veröffentlicht. Vom Century haben in Deutschland wohl nur wenige gehört.

Der Century ist nur ein Jahr jünger als der Corolla und ging 1967 in die Produktion. Es ist das exklusivste Auto des Massenherstellers. Gerade mal 41.500 Stück wurden in den vergangenen 52 Jahren produziert. Die Limousine ist maßgeschneidert für den erfolgreichen Wirtschaftskapitän, der sich morgens vom Chauffeur zur Arbeit fahren lässt. Der Grundpreis des weitgehend in Handarbeit gefertigten Autos beginnt bei 19,6 Millionen Yen, umgerechnet etwa 164.000 Euro. Rund 50 Century baut Toyota im Monat, die Wartelisten sollen lang sein. Vier der Limousinen in einer Sonderanfertigung werden vom Kaiserhaus schon genutzt.

Den Schritt aus Japan heraus in andere Märkte hat Toyota mit dem Century nie gewagt. Das Auto gilt als zu sehr dem japanischen Geschmack verhaftet. Traditionell werden die Sitze in einem Wollbezug angeboten, auf dem sich leiser sitzen lässt als auf Leder. Auch in seiner aktuellen Version, der 2017 vorgestellten erst dritten Generation, bleibt das Auto einem klassischen Understatement treu. In der etwas altertümlichen Anmutung wirkt es wie ein Erfolgssymbol des japanischen Wirtschaftswunders.

Nationale Aufwallung

In diesem ur-japanischen Symbol solle der Kaiser im Oktober vor dem Volk paradieren, beschloss die Regierung im Januar. Der Wechsel vom Rolls Royce Akihitos zu einem Toyota für Naruhito spiegelt die nationale Aufwallung der Regierung von Ministerpräsident Shinzo Abe rund um den Wechsel auf dem Chrysanthementhron. Analog wurde der Name „Reiwa“ für das neue kaiserliche Zeitalter erstmals aus der japanischen und nicht aus der chinesischen Literatur abgeleitet. Doch offiziell führt die Regierung für die Wahl des Autos wirtschaftliche Gründe an. Eine Wiederinbetriebnahme des Rolls Royce Corniche III von 1990 sei mangels Ersatzteilen nicht mehr möglich gewesen, hieß es. Deshalb wohl setzte die Regierung für den Neukauf als Bedingung, dass eine Wartung innerhalb Japans leicht möglich sei.

Allein der Toyota Century habe bei der Auswahl des neuen Fahrzeugs für den Kaiser alle Voraussetzungen erfüllt, heißt es: Umweltfreundlichkeit, Sicherheit, erhöhte Sitze, so dass Naruhito und seine Gemahlin Masako vom Volk gut zu sehen sein werden. Die Bedeutung des Tenno hervorhebend verlangte die Regierung auch, dass das neue Auto größer als alle anderen Fahrzeuge in der Parade sein müsse. Mit einer Länge von 5,34 Meter ist der offene Century tatsächlich einen halben Millimeter länger als die regulären Century-Modelle. Penibel weist die Regierung auch darauf hin, dass das neue Auto 7 Zentimeter länger und 7 Zentimeter breiter sei als der Rolls Royce von 1990. Das soll wohl die wirtschaftliche Entwicklung Japans in den vergangenen drei Jahrzehnten verdeutlichen.

Nutzung auch nach der Inthronisierung

Die für Akihitos Inthronisierung gekaufte britische Luxuslimousine brachte Japan wenig Nutzen. Rund 40 Millionen Yen kostete das Auto, damals 450.000 D-Mark oder in heutiger Zählung 229.000 Euro. Akihito zeigte sich in dem Auto dem Volk einmal, 1990. Dann nutzte Naruhito die Karosse noch 1993 zur Parade anlässlich seiner Hochzeit. Danach wurde der Rolls Royce Corniche III offiziell nicht mehr verwendet, manchmal noch in der kaiserlichen Garage ein wenig poliert und ist jetzt nicht mehr verkehrstauglich.

Dieses Schicksal soll dem neuen Toyota Cabriolet, dessen Preis bislang nicht bekannt wurde, nicht passieren. Das Auto werde nach der Inthronisierung effektiv von der Regierung genutzt, heißt es. Doch ob es so kommen wird? Wer darf schon in einem Auto fahren, das den japanischen Kaiser am Tag seiner Inthronisierung transportierte?