Japans widersinnige Atompolitik

Die nukleare Wiederaufbereitungsanlage in Rokkasho (hier auf einem Archivbild aus dem Jahr 2015) steht vor der Betriebszulassung, obwohl es dafür gar keine Verwendung gibt.

 
 
 

In Rokkasho soll eine Wiederaufbereitungsanlage für Plutonium in Betrieb gehen. Doch der dazugehörige Brennstoffkreislauf ist längst Fiktion

Tokio – Japans Atomaufsicht NRA hat der nuklearen Wiederaufbereitungsanlage (WAA) in Rokkasho nach sechsjähriger Prüfung erstmals eine ausreichende Sicherheit attestiert – zumindest vorläufig. Die Anlage erfülle die nach dem Fukushima-Unfall verschärften Sicherheitsauflagen. Der finale Bescheid wird für Juli erwartet. Laut dem Betreiber Japan Nuclear Fuel könnte die Plutoniumfabrik im Herbst 2021 den kommerziellen Betrieb aufnehmen.

Die Ankündigung hat scharfe Proteste ausgelöst. 210 Antiatomkraftgruppen aus ganz Japan unterzeichneten einen Protestbrief an die Atomaufsicht: Die NRA solle die Sicherheitsprüfung beenden, es gebe keinen nachvollziehbaren Grund, das Vorhaben fortzuführen. Das atomkritische Citizen Nuclear Information Center (CNIC) verwies darauf, dass die WAA im Betrieb jährlich zehnmal mehr Tritium in den Pazifik einleiten werde, als derzeit in den 1.000 Wassertanks im AKW Fukushima lagere.

Kein Bedarf an Plutonium

Die liberale Zeitung „Asahi“ bezeichnete das geplante Recycling von abgebrannten Brennstäben als unsinnig, weil es keinen Bedarf für das gewonnene Plutonium gebe: Der als Abnehmer vorgesehene Schnelle Brüter Monju wurde vor vier Jahren abgeschaltet, ein Nachfolger ist nicht geplant. Und nur wenige Atomkraftwerke können MOX-Brennelemente aus Uran und Plutonium verwenden. Das Projekt sei ein „Luftschloss“, kommentierte die Zeitung, aber die Verantwortlichen steckten den Kopf in den Sand, weil ein Endlager für Atommüll fehle.

Eigentlich sollte die Nuklearfabrik schon 1997 in Betrieb gehen, aber der Start wurde 24-mal verschoben. In dieser Zeit haben sich die Baukosten auf fast 19 Milliarden Euro verdreifacht. Das Geld holt Japan Nuclear Fuel über die Stromrechnungen aller Bürger wieder herein. Die WAA in Rokkasho kann bis zu 800 Tonnen Brennstäbe pro Jahr aufarbeiten und daraus sieben bis acht Tonnen Plutonium für MOX-Brennelemente gewinnen. Aber statt der geplanten 14 bis 18 Meiler können bisher nur vier Reaktoren solche Brennstäbe verwenden.

Jährlicher Bedarf von zwei Tonnen

Vor zwei Jahren hat die Regierung erstmals auf die vertrackte Situation reagiert. Nach scharfer internationaler Kritik am japanischen Vorrat von 46 Tonnen Plutonium verpflichtete man sich, nur noch so viel Plutonium zusätzlich zu erzeugen, wie man für neue MOX-Elemente benötigt. Dieser jährliche Bedarf liegt jedoch derzeit bei zwei Tonnen, die WAA wäre also nur maximal zu einem Viertel ausgelastet. Es wäre daher am besten, erst gar kein Plutonium herzustellen, meint die Zeitung „Mainichi“ lakonisch.

Allerdings würde dies ein noch größeres Problem verursachen: Die Stadt Rokkasho, die Präfektur Aomori sowie der Betreiber Japan Nuclear Fuel haben vereinbart, dass ohne Betrieb der Anlage die knapp 3.000 Tonnen abgebrannter Brennelemente auf dem WAA-Gelände zurück in ihren Herkunftsmeiler gebracht werden müssen. Doch dafür fehlt dort der Platz. Zugleich besitzt Japan weder ein Zwischen- noch ein Endlager für radioaktive Abfälle. „Entweder träumt die Atomindustrie, oder sie halluziniert“, kommentierte die Zeitung „Asahi“