Einstufung von Thailand und Vietnam als Risikoländer irritiert deutsche Wirtschaftsvertreter

n Thailand hat es zuletzt kaum Neuinfektionen gegeben.

 
 
 

Seit Wochen gibt es in den Ländern kaum Neuinfektionen. Dennoch schätzt die Bundesregierung sie als Corona-Risikogebiete ein. Das sorgt für Unverständnis.

Bangkok Eine neue Liste der Bundesregierung zu Coronavirus-Risikogebieten sorgt unter deutschen Wirtschaftsvertretern für Verwunderung und Kritik. In Thailand, dem Arbeitsort von Continental-Manager Peter Rankl, haben die lokalen Behörden seit mehr als drei Wochen keine einzige lokale Coronavirus-Infektion mehr feststellen können. Trotzdem gilt Südostasiens zweitgrößte Volkswirtschaft in den Augen der Bundesregierung als Land, in dem „ein erhöhtes Risiko für eine Infektion mit Sars-CoV-2 besteht“.

„Das hat mich schon sehr überrascht“, sagt Ranke, Südostasien-Chef der Automotive-Sparte von Continental, im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Wenn man hier lebt, ist es nicht nachvollziehbar, weshalb Thailand ein Risikoland sein soll.“

Schließlich konnte der Virusausbruch in dem Land laut offiziellen Daten viel früher eingedämmt werden als in Europa: Insgesamt wurden in Thailand seit Beginn der Pandemie nur 3135 Infektionen bestätigt – in Deutschland ist die Zahl der Fälle 60-mal höher. Und seit vergangenem Monat sind die wenigen einzelnen Fälle, die noch auftauchen, lediglich in den staatlichen Quarantäne-Zentren zu finden – unter Thailändern, die aus dem Ausland in ihre Heimat zurückkehren.

Dass das Land trotz der positiven Entwicklung nun von der Bundesregierung in einer am Dienstag auf dem Portal des Robert-Koch-Instituts (RKI) veröffentlichten Aufstellung als Risikogebiet gelistet wird, hat für den Reiseverkehr entscheidende Konsequenzen. Denn die Risikoliste, die mehrere Bundesministerien erarbeitet haben, ist Grundlage für mögliche Quarantäneauflagen der Bundesländer.

Beim Bundesinnenministerium heißt es dazu: „Nach der Musterverordnung des Bundes besteht eine 14-tägige Quarantänepflicht nur noch für Personen, die aus einem Risikogebiet in die Bundesrepublik Deutschland einreisen.“

Thailand ist dabei nicht das einzige Land, dessen Einstufung auf erhebliche Verwunderung stößt. Auch Vietnam gilt für die Bundesregierung als Coronavirus-Risikoland – obwohl der rund 100 Millionen Einwohner große Staat unter Experten als Beispiel für eine fast perfekt gelungene Eindämmungsstrategie gilt.
Vietnams Behörden hatten zu Beginn der Pandemie als das erste Land außerhalb Chinas ganze Dörfer isoliert, in denen Infektionen auftraten. Die Bilanz kann sich sehen lassen: Insgesamt verzeichnete Vietnam nur 335 Covid-19-Fälle und keinen einzigen Todesfall.

China gilt nicht als Risikogebiet

Die deutsche Wirtschaftsgemeinde in Vietnam zeigt sich nun verwundert: „Die Einstufung von Vietnam als Risikogebiet ist falsch und kann nur auf falschen Annahmen beruhen“, sagt der deutsche Anwalt Wolfram Grünkorn, der in Ho-Chi-Minh-Stadt deutsche Unternehmen vertritt.

Marko Walde, der die deutsche Auslandshandelskammer (AHK) in Vietnam leitet, sieht das ähnlich. „Die Ausweisung Vietnams als Risikogebiet überrascht mich“, sagt er dem Handelsblatt. Seit mehr als 60 Tagen gebe es in dem Land keine Neuinfektionen mehr, „sodass die objektive Datenlage die Einstufung als Risikogebiet nicht hergibt“.

Er sagt, man vertraue natürlich den involvierten Bundesministerien bei ihrer „subjektiven Einschätzung“. „Allerdings würden wir als Delegation der deutschen Wirtschaft in Vietnam zu einem anderen Ergebnis kommen und Vietnam von dieser Risikoliste streichen.“

Ähnlich diplomatisch äußert sich Roland Wein, AHK-Chef in Thailand: Er lobt Thailands Regierung dafür, wie gut es ihr gelungen sei, die Pandemie einzudämmen. „Vor dem Hintergrund dieser Erfolge und der sehr niedrigen Infektionszahlen im Land halten wir es für angebracht, dass die Bundesregierung Thailand von der Liste der Risikogebiete streicht und die Reisewarnung für Thailand aufhebt.“

Deutsche Unternehmen in Thailand leiden auch darunter, dass das Land seit Monaten so gut wie keine Ausländer ins Land lässt und Investitionsprojekte deshalb auf Eis liegen. Die Behörden erwägen jedoch, die Grenzen ab Juli für Geschäftsreisende zu öffnen.

Nach den aktuellen Vorschriften müssten Monteure aus Deutschland aber am Beginn ihres Einsatzes zuerst in Thailand zwei Wochen in Quarantäne – und dann nach der Rückreise gemäß der Risikoliste womöglich weitere zwei Wochen in Deutschland.

Ausbruch in Peking

Andere asiatische Länder mit höheren Fallzahlen wie China und Singapur gelten für die Bundesregierung nicht als Risikogebiete. China erlebt seit Ende vergangener Woche einen neuen Coronavirus-Ausbruch mit Dutzenden Fällen in der Hauptstadt Peking. Singapur, ein Stadtstaat mit rund fünfeinhalb Millionen Einwohnern, hat insgesamt mehr als 40.000 Infektionsfälle. Alleine in den vergangenen sieben Tagen kamen mehr als 2000 hinzu.

Damit liegt Singapur nur knapp unter der Schwelle, die das RKI als Hauptkriterium für die Einstufung der Risikogebiete nennt: Demnach werde primär darauf geachtet, wo es zu mehr als 50 Neuinfektionen innerhalb von sieben Tagen pro 100.000 Einwohner komme.

Doch Länder wie Thailand und Vietnam unterschreiten die Schwelle noch viel deutlicher. Das RKI führt allerdings noch einen zweiten Bewertungsschritt an, der für Länder gilt, die unterhalb der Grenze liegen: „Qualitative Kriterien“ würden darüber entscheiden, ob dennoch die Gefahr eines erhöhten Infektionsrisikos vorliege, heißt es.

Die Informationen dazu liefere vorwiegend das Auswärtige Amt. Welche Informationen zur Einstufung Vietnams und Thailands als Risikoland geführt haben, will das RKI auf Anfrage nicht näher erklären. Auch das Auswärtige Amt beantwortete Fragen dazu nicht. Ein Ministeriumssprecher sagte in Berlin, die zusammen mit dem Bundesinnen- und Bundesgesundheitsministerium erstellte Liste werde wöchentlich überprüft.

Möglich ist, dass die Beamten den Daten aus den autoritär regierten Ländern prinzipiell misstrauen. Dann stellt sich allerdings die Frage, warum man sich auf die Angaben aus Peking offenbar verlässt.

Zudem sehen Beobachter in Thailand und Vietnam keinen Grund, an den Angaben der lokalen Behörden zu zweifeln. In Vietnam sprachen die lokalen Vertreter der US-Seuchenschutzbehörde CDC den offiziellen Regierungsangaben öffentlich ihr Vertrauen aus.

Auch in Thailand gibt es angesichts hoher Testzahlen ein großes Vertrauen in die offiziellen Zahlen. Fast eine halbe Million Tests wurde bisher abgeschlossen. Mehr als 99 Prozent waren negativ. Man frage sich, wie viel denn noch getestet werden müsse, damit es geglaubt werde, sagt Continental-Manager Rankl. „Ich fühle mich jedenfalls in Thailand sehr sicher.“